Die Themenschwerpunkte des Departments „Wissen – Kultur – Transformation“

Die Mitglieder des Departments „Wissen – Kultur – Transformation“ strukturieren ihre Arbeit in verschiedenen Forschungsschwerpunkten.

So wird unter dem Stichwort „Wissen und Medialität“ darüber geforscht werden, wie die Vermittlung von Wissen in (alten und neuen) Medien die Vorstellung vom Wissenswerten verändert und wie sich andererseits der Anspruch auf Wissen auf die Medien und ihre Entwicklung auswirkt.
Unter der Überschrift „Wissen und Macht“ kann gefragt werden, wie Wissen durch Machtstrukturen bestimmt wird, in der Politik, den öffentlichen Medien, aber auch in Religionen.
Die kulturelle Prägung und Bedingtheit von Wissen wird ebenso thematisiert werden wie langfristige Veränderungen von Wissenschaften oder die Veränderungen im Weltbild, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse ausgelöst wurden. Umfangreiche Vorarbeiten zu diesen Fragen wurden bereits an der Universität geleistet; so stützen sich die einzelnen Module auf Einrichtungen wie Graduiertenkollegs oder thematisch geprägte Institute.


Details zu den Themenschwerpunkten finden Sie auf den einzelnen, folgenden Unterseiten.

„Medien und Repräsentationen des Wissens“

„Medien und Repräsentationen des Wissens“

Sprecherin: Prof. Dr. Stephanie Wodianka

Wissen an sich gibt es nicht, Wissen ist stets als medial vermitteltes, repräsentiertes Wissen zu begreifen: Also kann es auch nur in seinen medialen Erscheinungsweisen zum Forschungsgegenstand werden.

 Auf der Grundlage dieser Einsicht setzt sich der Teilbereich des Departments „Wissen – Kultur – Transformation“ zum Ziel, zu untersuchen, wie das Verhältnis zwischen Wissen einerseits und Medien beziehungsweise Repräsentationen andererseits funktioniert.  Dieses Verhältnis ist ein gegenseitiges: Wissen wird  nicht nur medial vermittelt und geprägt, sondern kann umgekehrt auch Medien und Repräsentationsformen mit prägen. Man denke zum Beispiel an das Format „TV-Doku“ über die jüngere Geschichte, das die Vorstellung von historischem Wissen (Wissensträger, „Quellen“ des Wissens, Bedeutung, Ordnung) mit großer distributiver Reichweite bestimmt, seine Genese aber auch selbst der Aktualität bestimmter Wissensbereiche (zum Beispiel 50 Jahre Kriegsende, 20 Jahre Deutsche Einheit) verdankt.

 Wissen ist kein „Gegenstand“, sondern eine performativ sich immer wieder neu realisierende Form der Wirklichkeitswahrnehmung. Medien beziehungsweise Mediensysteme implizieren die Pluralisierung von Beobachtungs- und Ordnungsperspektiven, ermöglichen und organisieren sodann die komplexe Kommunikation über Wissen. Und erst durch sie wird Wirklichkeitswahrnehmung in Wissen transformiert.
Die Orientierung in Wissenskulturen setzt nicht nur „Wissen“, sondern auch das Wissen um den kulturellen Status verschiedener Wissensbereiche voraus. Es gibt privilegierte und marginalisierte Wissensbereiche, deren mediale Vermittlungsformen und Repräsentationsformate sich unterscheiden können. Inwiefern der kulturelle Status des Mediums mit der Bedeutung und Deutung des Wissens in Zusammenhang steht, ist eines der Untersuchungsinteressen des Teilbereiches.

 Es gibt eine „Ästhetik des Wissens“, die unter dem Fokus der Teilbereiche profiliert werden soll: „Ästhetik“ im Sinne von Wahrnehmung und Wirklichkeitsperzeption (siehe oben), aber auch im Sinne eines Selbstverweises auf die eigene Machart. Dabei ist nicht nur an das Verhältnis von Wissen und Literatur, Film und Kunst zu denken, sondern auch zum Beispiel an die spezifische Ästhetik naturwissenschaftlicher Darstellungsformen wie Tabellen, Graphen oder Simulationen. Ästhetiken des Wissens tragen in ihrem diachronen und synchronen Auftreten zur Frage der Sichtbarkeit, Ordnung, Hierarchisierung und Distribution bei und beeinflussen somit unsere Vorstellungen vom „objektiven“ oder „subjektiven“, statischen oder dynamischen Charakter des Gewussten oder zu Wissenden.

Die Relevanz und Distribution von Wissen steht nicht nur in Relation mit der sozialen Gruppe oder Institution der Wissensträger, sondern auch mit seiner Sichtbarkeit, Suchbarkeit und Vernetzung mit anderen Wissensbereichen. Diese werden durch Medien repräsentiert, aber auch präformiert: An die Erfindung des Buchdrucks, das antike Trivium/ Quadrivium und die französische Enczyclopédie der Aufklärer ist hier ebenso zu denken wie an digitale Suchmaschinen, das Wechselspiel der Künste oder Fachzeitschriften.

Bibliotheken, Museen, Schulen und Universitäten sowie Persönlichkeiten oder die Sprache repräsentieren Wissen und verschiedene Wissensformen. Wenn jede Wissens-Repräsentation einen „Verlust“ impliziert, so fokussiert der Teilbereich auch die kulturelle (und wissenschaftliche) Produktivität dieser „Wissenslücken“.

„Transformationen des Wissens“

„Transformationen des Wissens“

Sprecher: Prof. Dr. Hans-Jürgen von Wensierski

In einer sich stetig ausdifferenzierenden und dynamisch verändernden Welt können die Geistes-und Kulturwissenschaften ihrer Aufgabe zur Entwicklung und Differenzierung eines wissenschaftlichen Welt- und Menschenbildes nur gerecht werden, wenn sie Brücken schlagen zwischen den auseinanderdriftenden Lebenswelten, Wissenssystemen, Kulturen, Epochen und Wissenschaftsdisziplinen. Eine zentrale Voraussetzung für diesen Prozess und diese Aufgabe der Geisteswissenschaften ist die Anerkennung von Differenz, von Pluralität, von Geschichtlichkeit und Prozessualität, durch die alle Manifestationen menschlichen Wissens und Handelns gekennzeichnet sind.

Vor dem Hintergrund einer entfesselten Globalisierung, einer weitreichenden Ökonomisierung sozialer Lebenswelten und dem schier grenzenlos scheinenden Leistungsvermögen moderner Natur- und Technikwissenschaften stellen sich dem multidisziplinären Verbund der Geistes-, Kultur-und Sozialwissenschaften somit verstärkt die Anforderungen einer grundsätzlichen Analyse-, Übersetzungs- und Orientierungsfunktion.

Analytisch lassen sich diese Anforderungen an die Geisteswissenschaften auch als Transformation von Wissen, Wissensbeständen und Wissenskulturen verstehen – eine Übersetzungsfunktion in diachroner und systematischer Perspektive. Insbesondere die historischen Wissenschaften und die Bildungswissenschaften sind traditionell und konstitutiv mit den Anforderungen von Wissenstransformationen konfrontiert: Zum einen auf der gesellschafts- und makrotheoretischen Ebene der Rekonstruktion und Selbstvergewisserung gegenüber vergangenen Epochen, Kulturen und historischen Prozesse; zum anderen auf der Ebene der Individuen und ihrer sozialen Systeme: als Frage der Sozialisations- und Bildungsprozesse sowie der kulturellen Tradierung und stetigen Erneuerung der Gesellschaft in der Abfolge des Generationenwandels.

Die Dynamik gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse in Richtung einer globalisierten, ökonomisierten und technologisch hochgerüsteten Informations- und Wissensgesellschaft forciert diese Transformationsprozesse unterschiedlicher Wissenssysteme. Wie lässt sich die Logik informationstechnologischer Systeme übersetzen in die Anforderungen sozialer Lebenswelten? Wie lassen sich geisteswissenschaftliche Modelle und Konzepte fruchtbar machen für die High-End-Forschung von Genetik und Biowissenschaften oder den Fortschritt neurophysiologischer Hirnforschung? Wie lassen sich die Wissenssysteme und Sinnpotenziale konkurrierender Religionen übersetzen oder nutzbar machen für die Rationalität und die Zivilität säkularer multikultureller Gesellschaften in der Moderne? Oder in bildungswissenschaftlicher Perspektive: Wie lassen sich die gegenläufigen Prozesse einer durchgreifenden ökonomischen Rationalisierung der Lebenswelten bei gleichzeitiger Tendenz zu einer alternden Gesellschaft verbinden mit einem Bildungskonzept, in dem Bildung nicht nur als verwertbare Funktion für das Bruttosozialprodukt und das Generationenverhältnis nicht nur als Synonym für den ökonomischen Transfer sozialer Sicherungssysteme verstanden werden.

Der Forschungsschwerpunkt „Transformation des Wissens“ setzt innerhalb des Departments „Wissen - Kultur - Transformation“ an diesen zeitdiagnostischen Analysen und Befunden an. Auf der Basis eines multidisziplinären Forschungsverbunds aus Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Natur-, Ingenieur- und Biowissenschaftlern sollen historische, aktuelle und zukunftsweisende Forschungsfragen entwickelt und bearbeitet werden.

„Wissen und Interkulturalität“

„Wissen und Interkulturalität“

Sprecher: Prof. Dr. Klaus Hock

Wissen ist stets als kulturell vermitteltes Wissen zu begreifen. Entsprechend kann es auch nur in seinen kulturellen Erscheinungsweisen thematisiert werden. Im Zuge der Wissensproduktion wiederum werden dabei in einem weiteren Sinne verschiedene Wissens„kulturen“ generiert, so dass sich beispielsweise das Verhältnis zwischen verschiedenen Wissenschaften als Verhältnis zwischen verschiedenen Wissenskulturen begreifen lässt.

Auf der Grundlage dieser Einsicht stellt sich dieser Teilbereich des Departments „Wissen – Kultur – Transformation“ die Aufgabe, zu untersuchen, wie das Verhältnis zwischen Wissen und Kultur funktioniert. Dieses Verhältnis ist ein gegenseitiges: Wissen wird nicht nur kulturell vermittelt und geprägt, sondern kann umgekehrt auch Kulturen und interkulturelle Beziehungen mit prägen – und in diesem wechselseitigen Prozess unterschiedliche Wissenskulturen ausbilden.

Im Zuge der Globalisierung ist es zu einem Verlust der universellen Gültigkeit der europäisch-angloamerikanischen Wissenskulturen gekommen. Stattdessen ist eine zunehmende Anerkennung diverser Wahrnehmungs-, Denk- und Empfindungsmuster zu verzeichnen, deren politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Implikationen noch nicht hinreichend geklärt sind. Außerdem haben sich im Kontakt zwischen den Kulturen jenseits der Dichotomie von Ausgrenzung und Assimilation neue, hybride Formen des Austausches entwickelt, die auch ganz eigene Wissenskulturen erzeugen. Diese können in Anlehnung an die Überlegungen von Mary Louise Pratt und Homi Bhabha als „Wissen in kulturellen Kontaktzonen“ oder „interkulturelles Wissen“ bezeichnet werden. Angesichts der heutzutage angenommenen Komplexität und intellektuellen Gleichwertigkeit indigener Kulturen werden zunehmend die durch Antike, Christentum und Aufklärung geprägten Denktraditionen und Wissenschaftsdiskurse kritisch hinterfragt.

Postkoloniale Wissenskonzepte, die in ständigem Austausch zwischen den ehemaligen kolonialen Wissens-Metropolen und den ehemals beherrschten nicht-europäischen Peripherien entstehen, stellen bisher nicht dagewesene Verknüpfungen von indigenen und westlichen Wissenstraditionen her. Hierdurch entstehen globalisierte „hybride“ Wissenskulturen (Chakrabarty), die innerhalb westlich-europäischer Theorien wiederum durch die Infragestellung des patriarchalen Wissensprimats und der diesen unterstützenden Darstellungskonventionen (Meistererzählungen) ergänzt werden.

Globale Migrationsprozesse sowie politische Transformations- und Modernisierungsprozesse im Gefolge postkolonialer Gesellschaftstransformationen und transnationaler Gemeinschaftsbildungen verlangen also, den Grundlagen und Formen interkultureller Verständigung, den Herausforderungen postkolonialer Wissenskonzepte sowie globalisierten „hybriden“ Wissenskulturen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die westlichen Geistes- und Kulturwissenschaften sind hier zunehmend herausgefordert, die Hegemonie der eigenen westlich-europäischen Wissenstraditionen gegenüber konkurrierenden – etwa indigenen oder fernöstlichen – Konzepten und Kulturen zu relativieren, um transkulturelle Kooperation und Konsensbildung zu ermöglichen.

Innerhalb des Themenschwerpunktes „Wissen und Interkulturalität“ geht es in diesem Zusammenhang schwerpunktmäßig darum, theoretische, hermeneutische und historische Konzepte der Entstehung, der Verfasstheit und der Transformation von Wissen und „Wissenskulturen“ zu entwerfen und vor dem Hintergrund globalisierungstheoretischer, postkolonialer, religionstheoretischer, kommunikations- und medientheoretischer Ansätze weiter zu entwickeln.

Im Zentrum steht dabei die Frage: Wie können qualifizierte Verständigungen ermöglicht und strukturiert werden, ohne nur eine Form des Wissens als Globalisierungsmodell durchzusetzen und ohne einer beliebigen, letztlich willkürlichen Pluralisierung des Wissens das Wort zu reden?

„Wissen und Macht“

„Wissen und Macht“

Sprecher: Prof. Dr. Martina Kumlehn


Wer oder was bestimmt darüber, welches Wissen als relevant, zutreffend oder gar „wahr“ gilt? Im Sinne eines Alltagsrealismus würde man sagen: Die Wirklichkeit selbst ist Kriterium echten Wissens. Doch wenn Wissen auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zielt, diese Übereinstimmung aber nicht einfach an einer „Wirklichkeit an sich“ abgelesen werden kann, sondern auch das, was Wirklichkeit genannt wird, uns nur über Interpretationsleitungen und Deutungen zugänglich ist – wer oder was bestimmt dann darüber, welche Aussagen, Methoden und Kriterien angemessen sind?
Hängt nicht die Beurteilung dieser Kriterien umgekehrt wieder von unserem vorgängigen Wirklichkeitsverständnis ab? Und dieses Vorverständnis von den jeweiligen Bildungsbiographien und die wiederum von historischen, sozialen, religiösen und politischen Faktoren abhängig ist?
Die Einsicht in die unhintergehbar konstruktiven Dimensionen jeder Wirklichkeitsdeutung („thesei“) ist der komplexe Grund dafür, dass die kulturellen Rahmenbedingungen relevant sind für die Frage nach Wissen – und Macht. Wer oder was über die Kriterien bestimmt, die den Diskurs regulieren, verfügt über Macht, genauer gesagt über „Deutungsmacht“.

Diese Macht bestimmt über Dispositive von Kommunikation und Handlungsoptionen, indem Leitdifferenzen und kulturelle Ordnungen festgelegt werden; wer gegen diese Spielregeln oder „Grammatiken“ verstößt wird exkludiert: aus der Schule, aus der Arbeitswelt, aus dem Diskurs. Doch gilt das Ganze auch umgekehrt? Ist Macht nicht nur als nur als Deutungsmacht zu denken? Eine „deutungslose“ Macht wird stumm und verliert ihren normativen Charakter; sie sagt (uns) nichts mehr und wird genau deswegen „macht-los“.
Tatsächliche Macht dagegen lässt sich (provisorisch) als Integral von Praktiken, Institutionen und Strukturen verstehen, die über kulturelle Ordnung, Exklusionen und Orientierungen verfügen und damit die Dispositive der Kommunikation und damit über die Spielregeln und normativen Grammatiken zugelassener Deutungen entscheiden.


Der Themenschwerpunkt „Wissen und Macht“ fragt nach den komplexen Zusammenhängen und Interdependenzen von Wissen, Macht und Deutung. Wichtige Fragestellungen sind dabei:

Was ist Deutungsmacht? Wie entsteht, funktioniert und vergeht sie, z.B. die Deutungsmacht einer Religion und vergleichbarer „belief systems“? Wann, wie und für wen erweisen sich „Deutungen“ als ‚mächtig’? Dazu ist zu klären, was Deutung ist, wie sie mit Macht operiert und wie Machtansprüche mit Deutung einher gehen.

  • Auf einer zweiten Stufe wird gefragt, welche Bedeutung Differenzerfahrungen beziehungsweise normative Differenzen im Auf- und Abbau von Deutungsmacht(ansprüchen) haben. Hier wird davon ausgegangen, dass der Ursprung u.a. von „Integrationsproblemen“ in Differenzen liegt, wie z.B. eigen/fremd oder rein/unrein. Zu klären ist, welche Funktion solche Differenzen haben und inwiefern sie „wahrgenommen“, „erfahren“ bzw. „konstruiert“ und „gesetzt“ werden.
  • Methodisch leitend sind Interpretationstheorie, Hermeneutik,  Literaturwissenschaft (wie Narratologie, postcolonial studies) und Diskursanalyse, die erweitert werden können durch Systemtheorie, Politik-, Geschichts-, Kultur-, Rechts- und Kommunikationswissenschaft.